IndieWeb: das Web wieder kleiner und menschlicher machen
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Am Dienstagabend, dem 8. September 2026, hat das WordPress-Meetup Erfurt wieder bei FUNKE Digital getagt, und der Raum war voller als zuletzt. Simon Kraft hielt einen Vortrag mit einem Titel, der nach Kulturkritik klingt und dann sehr praktisch wurde: Persönliche Websites in der Welt von Kommerz und KI. Es ging um das IndieWeb, um die eigene Domain als Identität und um die Frage, warum so viele Leute ihr eigenes Fleckchen im Netz verkommen lassen.
Kraft ist seit 2008 bei WordPress, arbeitet als Produktmensch bei Patchstack und war an diesem Abend ausdrücklich privat da. Sein Vortrag war der Bericht über ein Langzeitprojekt: Am 1. Januar 2025 hat er sich vorgenommen, seine eigene Website endlich ernst zu nehmen. Anderthalb Jahre später erzählte er, was daraus geworden ist.
Der Abend hatte drei Teile. Zuerst die Diagnose, warum das offene Web unter Druck steht. Dann die Prinzipien und Bausteine des IndieWeb. Zum Schluss der Werkstattbericht, was Kraft auf seiner eigenen Seite tatsächlich gebaut hat. Am Ende dieses Artikels steht, was davon sich auch ohne WordPress umsetzen lässt, mit PHP und ein paar Dateien.
Von "democratize publishing" zu Business-Websites
Das offizielle Motto von WordPress lautet "democratize publishing". Kraft zeigte, dass Matt Mullenweg diesen Satz vor einigen Jahren erweitert hat. Seitdem geht es nicht mehr nur um das Veröffentlichen, sondern auch um E-Commerce und Kommunikation. Seine Vermutung dazu war trocken: Automattic verkauft eben auch Commerce und Chat.
Die Beispiele, mit denen WordPress heute wirbt, passen dazu. Time Magazine, TED, Wired, Microsoft-Blogs. Das ist eindrucksvoll, aber es ist nicht mehr die Software für die kleine Seite über das eigene Hobby. WordPress ist gewachsen. Das Web hat sich in dieselbe Richtung entwickelt.
Kraft zeichnete die Linie nach: von handgeklöppelten HTML-Seiten über nischige Themenseiten hin zu Werbebannern, Datenhandel und algorithmischen Feeds. Die persönliche Seite ist auf diesem Weg zur Ausnahme geworden.
Enshittification: warum Plattformen kippen
Für diese Entwicklung gibt es seit November 2022 ein Wort. Cory Doctorow nennt sie Enshittification und beschreibt sie in drei Stufen. Zuerst sind Plattformen gut zu ihren Nutzern, um sie einzusammeln. Dann sind sie gut zu ihren Geschäftskunden, um deren Geld einzusammeln. Am Ende quetschen sie beide aus, weil niemand mehr weg kann.
Eine feststehende deutsche Übersetzung gibt es bis heute nicht. Kraft hatte eine im Gepäck, die im Publikum für Gelächter sorgte, und im selben Atemzug den Hinweis, dass er die passende Domain schon gesichert hat. Der Punkt dahinter war ernst: Was wir früher im Web gemacht haben, findet inzwischen größtenteils in Apps statt.
KI frisst den Klick
Dann kam der zweite Spieler von der Seite ins Bild. Kraft schreibt KI selbst gern in Anführungszeichen, weil der Begriff mittlerweile für sehr unterschiedliche Dinge herhalten muss. Aus einem ganzen Stapel Statistiken hatte er eine einzige behalten: Knapp 70 Prozent aller Google-Suchen enden inzwischen ohne Klick.
Damit bricht ein Handel, auf dem ein großer Teil des Webs gebaut ist. Wer Inhalte produziert, bekam dafür Sichtbarkeit und Traffic, und aus dem Traffic wurde Geld. Nilay Patel von The Verge hat dafür den Begriff Google Zero geprägt, also den Moment, in dem professionelle Publikationen keinen Suchtraffic mehr bekommen.
Kraft war fair genug einzuräumen, dass ihn das mit seinem persönlichen Blog kaum trifft. Gesellschaftlich sei es trotzdem ein Problem. Und die KI steckt nicht nur in der Suche, sondern auch in den Inhalten selbst. Er zitierte eine Umfrage unter der Leserschaft eines Fachnewsletters: Rund 80 Prozent gaben an, bei erkennbar generierten Texten einfach abzuspringen. In dieser Gemengelage saß er irgendwann da und fragte sich, für wen er eigentlich noch schreibt.
Die drei Prinzipien des IndieWeb
Seine Antwort darauf war das IndieWeb. Die Prinzipien hat er von indieweb.org geholt und frei übersetzt. Drei davon trugen den Vortrag.
1
Deine Domain ist deine Identität.
Wer unter der eigenen Domain auftritt, muss sich nicht damit herumschlagen, auf zwölf Plattformen als dieselbe Person plausibel zu sein. Konten verschwinden, Domains bleiben. Und die Daten liegen dort, wo man selbst drankommt.
2
Machen statt reden.
Das IndieWeb versteht sich als Gemeinschaft von Leuten, die bauen. Kraft kommentierte das selbstironisch, während er seit einer halben Stunde über das Gebaute redete.
3
Benutze, was du selbst baust.
Wer sein eigenes Werkzeug täglich einsetzt, merkt sofort, wo es hakt. Bei Kraft ist daraus ein kleiner Zoo eigener Plugins geworden, gebaut für genau eine Website.
Einmal im Monat trifft sich dazu eine Runde in einem Videocall und redet über persönliche Websites. Kraft beschrieb das Format als schwer erklärbar und chaotisch. Es geht um Dinge, an denen jemand gebastelt hat und die meist keinen kommerziellen Nutzen haben.
Slash-Pages: der einfachste Einstieg ins IndieWeb
Der praktischste Teil des Abends waren die Slash-Pages. Der Name klingt technischer, als die Sache ist. Gemeint sind Seiten mit festen Adressen, die es auf vielen Websites gibt: /about, /contact. Das kennt jeder. Interessant wird es bei den weniger üblichen.
/now
Woran arbeitet man gerade? Die Idee dahinter ist die Begegnung mit einem alten Bekannten. Man erzählt kompakt, was aktuell läuft. Es gibt kein vorgeschriebenes Format und keine Regel, wie ausführlich das sein muss.
/uses
Welche Werkzeuge und Dienste nutzt man? Einer aus Krafts Runde listet dort auf, welche Dienste er privat selbst betreibt, bis hin zur eigenen Dokumentenverwaltung und einer Erinnerung ans Gießen der Pflanzen.
/chipotle
Das absurdeste Beispiel und deshalb das beste: Jemand hat seine Lieblingsbestellung bei einer amerikanischen Fast-Food-Kette hinterlegt, damit Freunde einfach mitbestellen können. Genau dafür ist das offene Web gut.
Wer eine eigene Domain hat, kann so eine Seite heute Abend noch anlegen. Mehr als eine Datei und ein paar Sätze braucht es nicht.
Webringe, Blogrolls und Webmentions
Danach ging es um ältere Ideen, die im IndieWeb ein zweites Leben bekommen. Kraft war an einem Webring-Plugin beteiligt, das auf der Rückfahrt von einem WordCamp im Partybus ausgeheckt wurde.
Ein Webring ist eine Gruppe von Websites, die aufeinander verlinken. Auf jeder Seite steht ein kleines Schnipsel mit drei Links: vorwärts, rückwärts, zufällig. Wer lange genug klickt, landet wieder am Anfang. Man braucht das nicht, aber es gibt auch keinen Grund, es nicht zu tun. Gestorben ist die Idee seinerzeit daran, dass Leute ihre Seiten aufgaben und die Ringe irgendwann ins Leere zeigten. Genau das lässt sich heute automatisch prüfen.
Blogrolls sind der zweite Wiedergänger. Eine Liste von Links auf andere Blogs in der Seitenleiste. WordPress hat den Link-Manager technisch nie entfernt, nur versteckt. Kraft nannte das eine süße Art, auf andere Menschen zu verweisen, die dasselbe machen.
Technisch am weitesten führt ActivityPub. Das Protokoll verbindet Software untereinander, bekannt geworden ist es durch Mastodon. Das entsprechende WordPress-Plugin stammt von Matthias Pfefferle, den Automattic 2023 samt Plugin geholt hat. Damit kann man einer WordPress-Seite direkt aus dem Fediverse folgen, ohne dort ein Konto zu brauchen.
Der praktische Gewinn daraus heißt Webmentions. Reagiert jemand auf Mastodon auf einen Beitrag, erscheint diese Antwort als Kommentar unter dem Beitrag. Kraft beschrieb das schlicht als das, was seiner Seite wieder Leben bringt. Kommentarspalten sind vielerorts leer, während die Diskussion woanders stattfindet. Webmentions holen sie zurück.
Ein Teilnehmer wandte ein, dass seine Rechtsabteilung genau hier bremst: Fremde Inhalte auf der eigenen Seite brauchen einen Meldeweg. Für ein privates Blog ist das kein Thema, für ein Unternehmen sehr wohl.
Anderthalb Jahre Bastelei: der Werkstattbericht
Der ehrlichste Moment des Abends kam beim Zwischenbericht. Sein größter Gegner war nicht die Technik, sondern der eigene Perfektionismus. Diese Seite werde niemals fertig sein, sagte Kraft, und das sei genau der Grund, warum er jahrelang nichts fertig bekommen habe.
| Baustein |
Was er tut |
| Microblog |
Ein zweiter Inhaltstyp neben dem Blog, nur für kurze Beiträge. Hat bei ihm den Knoten gelöst, weil dort auch Unfertiges hin darf. |
| Beitragsformate |
Ein WordPress-Feature aus den 2010er Jahren. Status, Bild, Galerie, Link, Zitat. Jedes Format wird anders dargestellt. |
| Archiv alter Konten |
Die Exportdateien seines gelöschten Twitter- und Instagram-Kontos hat er in den Microblog importiert. Von einigen tausend Einträgen blieben rund 300 übrig, alte Handles schreibt ein Skript auf Websites um. |
| Vorschaubilder |
Ein Plugin erzeugt das Open-Graph-Bild automatisch aus dem Titel, nach wählbaren Vorlagen. Vorher wurde beim Teilen das Favicon angezeigt. |
| Vortragsarchiv |
Eine Liste aller Vorträge der letzten Jahre, samt Folien als PDF direkt auf der Seite. |
| Mehrsprachigkeit |
Deutsch und Englisch. Nur die englische Fassung wird ins Fediverse gespiegelt, weil ActivityPub für Mehrsprachigkeit noch keine gute Antwort hat. |
Sein Fazit passte auf einen Satz: Erfolg ist das, was er selbst dazu erklärt. Vor einigen Jahren hat er aufgehört, mit Schreiben Geld zu verdienen, weil es keinen Spaß mehr machte. Eine Million Leser sind nicht das Ziel. Dass überhaupt jemand reagiert, reicht.
Die Diskussion: KI für Code, nicht für Inhalte
Danach wurde es lebhaft. Auf die Frage, wie er es selbst mit KI hält, zog Kraft eine klare Linie. Für seine Plugins nutzt er die Werkzeuge, ohne sie wäre er in der Freizeit nicht so weit gekommen. Für Inhalte keinen einzigen Buchstaben.
Wichtig war ihm die Einschränkung dazu. Er hat 15 Jahre lang beruflich programmiert und kann beurteilen, ob der erzeugte Code taugt. Außerdem laufen seine Plugins durch die Sicherheitspipelines seines Arbeitgebers. Ohne dieses Vorwissen würde er das nicht empfehlen.
Ein Teilnehmer hielt dagegen und war ehrlich: Die Modelle programmieren besser als er, deshalb hat er die Lust am Programmieren verloren und sein Blog stillgelegt. Seine Frage an die Runde war, ob mit gutem Handwerk am Werkzeug nicht auch bessere Texte herauskommen als von Hand.
Die Antworten darauf waren die interessanteste Viertelstunde des Abends. Bei Code ist Standardkonformität das Ziel, und Reproduktion ist genau die Stärke dieser Modelle. Bei Texten will man das Gegenteil. Jemand brachte den Vergleich mit Computereffekten im Film: Wenn man sie bemerkt, sind sie schlecht gemacht. Ein anderer berichtete von einem Beispiel aus der eigenen Branche. Ein CEO aus dem Rezeptbereich habe intern durchgesetzt, weniger generierte Bilder zu verwenden, weil das Vertrauen der Nutzer sinkt. Wer jedes Gericht wirklich einmal kocht und fotografiert, hat diesen Vorsprung.
Am präzisesten war dieser Satz aus der Runde: Das Now, also das, was einem gerade jetzt einfällt, ist das eigene und nicht reproduzierbar. Damit war der Bogen zurück zum IndieWeb geschlagen.
Was das IndieWeb für eine selbstgebaute Seite bedeutet
Fast alles, was an dem Abend gezeigt wurde, ist kein WordPress-Feature, sondern eine Konvention. Wer seine Seite selbst in PHP schreibt, kann dasselbe haben, oft mit weniger Aufwand.
Eine Slash-Page ist eine Datei. Wer ein paar davon anlegt und Kopf und Fuß auslagert, braucht dafür keine Datenbank. Wie man das sauber trennt, zeigt das Tutorial zu Output Buffering und einfachen Templates. Eine Handvoll Dateien reicht für eine persönliche Website völlig aus.
Feeds sind das eigentliche Bindeglied im IndieWeb. Wer einen RSS-Feed ausliefert, kann gelesen werden, ohne dass jemand eine Plattform betreten muss. Umgekehrt lassen sich fremde Feeds einsammeln, etwa für eine eigene Now-Seite, die zusammenzieht, was verstreut veröffentlicht wurde. Genau das war Krafts ungelöstes Problem, verteilt auf viele Domains. Der Einstieg dazu steht im Tutorial RSS-Feed mit PHP einlesen und anzeigen.
Für eine Blogroll, die tote Links selbst erkennt, genügt ein regelmäßiger Abruf der verlinkten Seiten. Wie man eine fremde Seite abholt, steht im Tutorial Webseite mit curl einlesen. Ob dort noch etwas Sinnvolles steht, verrät oft schon der Titel, und den liefert get_meta_tags() ohne eigenen Parser. Dieselbe Technik trägt einen Webring: prüfen, ob die Nachbarseite noch antwortet, und sie sonst überspringen.
Webmentions sind technisch das Anspruchsvollste, aber kein Hexenwerk. Eine fremde Seite schickt einen POST mit zwei Adressen, die eigene Seite prüft, ob dort wirklich ein Link auf sie steht, und speichert die Erwähnung. Wer Antworten dabei als JSON entgegennimmt oder weitergibt, findet die Grundlagen im Tutorial zu json_encode().
Häufige Fragen zum IndieWeb
Brauche ich WordPress für das IndieWeb?
Nein. WordPress macht vieles bequem, weil es fertige Plugins für ActivityPub und Webmentions gibt. Die Prinzipien selbst hängen an nichts davon ab. Eine statische Seite mit eigener Domain und einem Feed erfüllt sie ebenso.
Womit fange ich an, wenn ich wenig Zeit habe?
Mit einer /now-Seite. Sie kostet zehn Minuten, muss nicht vollständig sein und darf jederzeit veralten. Danach kommt der Feed, weil er alles andere erst möglich macht.
Lohnt sich eine eigene Seite noch, wenn kaum jemand kommt?
Das war Krafts eigentliche Antwort an diesem Abend: Der Maßstab ist nicht die Reichweite. Wenn drei Leute reagieren und man selbst Spaß daran hat, hat die Seite ihren Zweck erfüllt.
Was ist der Unterschied zwischen ActivityPub und Webmentions?
ActivityPub macht die eigene Seite im Fediverse abonnierbar, man kann ihr also von Mastodon aus folgen. Webmentions holen einzelne Reaktionen zurück und zeigen sie unter dem Beitrag. Zusammen ergeben sie eine Kommentarspalte, die auch dann lebt, wenn niemand ein Konto anlegt.
Ist ein Webring nicht ein bisschen albern?
Doch. Das war ausdrücklich Teil des Arguments. Nicht alles im Web muss einen Zweck erfüllen, und das IndieWeb lebt genau von diesen kleinen, unwirtschaftlichen Ideen.
Fazit
Der Vortrag hätte leicht ein Klagelied über Plattformen und KI werden können. Er wurde eine Anleitung. Die Diagnose war düster, der praktische Teil erstaunlich niedrigschwellig. Eine Domain, eine Seite unter /now, ein Feed. Alles andere kommt, wenn es Spaß macht.
Bemerkenswert war, wie klar Kraft seine eigene Grenze zog. Werkzeuge für Code ja, mit Vorwissen und Prüfung. Für Inhalte nichts. Genau dieser Unterschied trug auch die Diskussion danach: Reproduktion ist bei Code die Stärke und bei Texten das Problem.
Wer tiefer einsteigen will, findet bei Simon Kraft auf simon.blog seine Seite als lebendes Beispiel, inklusive Now-Seite und Vortragsarchiv. Termine und Themen der Erfurter Runde stehen beim WordPress-Meetup Erfurt, das nächste Treffen ist die Weihnachtsfeier am 8. Dezember. Die Prinzipien im Original sammelt das IndieWeb-Wiki.
(Autor:
schubertmedia), Eingetragen am 08.09.2026